Kritiken

Vom Verlust und vom Lesen. Über Ali Smiths Buch „Wem erzähle ich das?“

Am Beginn steht die Not: „Das volle Jahr und der Tag waren verstrichen, und ich wusste mir noch immer keinen Rat.“ Die Ich-Erzählerin hat ihre Lebenspartnerin verloren, seit einem Jahr trauert sie und versucht, wieder zu sich zu finden. Bezüglich der Beziehung und deren Ende bekommen wir in „Wem erzähle ich das?“ aber nur spärliche Hintergründe geliefert: weder Namen noch Krankheitsverlauf noch episodische Rückblicke auf die gemeinsame Liebe. Es gibt nur das Hier und Jetzt, ein allenthalben von Trauer durchzogener Raum, sowie die Literatur, die den beiden Frauen offenkundig sehr viel bedeutet.

Immer wieder streift die Protagonistin durch das Bibliothekszimmer, zieht Bücher heraus, wagt sich vor in die Geschichten, insbesondere in „Oliver Twist“ von Charles Dickens. Steht dort etwas, was die eigene Gegenwart erhellt? Etwas, was von Verlust und Liebe spricht? Von der ersten Seite an ist „Wem erzähle ich das?“  von außerordentlicher Einfühlsamkeit und Prägnanz: weil hier Literatur als ein Dialog gedacht wird, als der sprachliche Versuch, zueinander in Kontakt zu treten, über Zeiten und Räume, ja, über Leben und Tod hinweg.

So nimmt es nicht wunder, dass die Verstorbene bald schon als ein Geist herbeiimaginiert wird, um die schmerzlich klaffende Lücke zu füllen – und sei es nur als spektrale Phantasie. Bis zuletzt hatte die Freundin an vier Vorlesungen zur Literatur gearbeitet, die sie an einer Universität geben sollte. Die zurückgelassenen Manuskripte werden nun von der Ich-Erzählerin durchgelesen, kommentiert, weitergedacht, oft im Beisein des Du-Geists. Dementsprechend ist das Buch in vier Kapitel eingeteilt, jedes widmet sich einer der Vorlesungen: „Zeit“, „Form“, „Ränder“, „Angebot und Widerspiegelung“.

In einer so ausschweifenden wie triftigen Kombinatorik verschaltet die 1962 geborene Smith hier verschiedenste Autoren und Autorinnen miteinander, über Epochen hinweg. Das Gilgamesch-Epos steht neben Walter Benjamin, Erzählungen von Katherine Mansfield neben Essays von Virginia Woolf. Alles greift ineinander, um sich dem Anliegen einer jeder Poetikvorlesung zu stellen: Wie wird aus Sprache eine geformte, schöne, andere Realität? In diese Recherche mischt sich unaufdringlich der Alltag der Ich-Erzählerin hinein. Job, Therapiesitzung oder Kurzurlaube – alles strahlt vom Rand aus das Zentrum an, den Mittelpunkt, die Frage nach dem, was Literatur ausmacht.

Und gerade hierin glänzt dieser bescheidene Essay, der von Silvia Morawetz ins Deutsche übertragen wurde: Er sucht in den literarischen Werken keinen wohlfeilen Trost für schwierige Zeiten, keine Schulterklopf-Empathie, sondern fragt in zögernder Neugierde nach dem, was Literatur in all ihren historischen, theoretischen und poetologischen Weiten für den einzelnen Menschen ausmacht. Dabei gelingt es Smith, die heikle Kombination „Ein Autor spricht über das Schreiben“ aufs Eindringlichste zu bespielen, ohne ins lehrhafte Zitieren und Dozieren zu verfallen.

Bereits 2012 hatte die schottische Autorin die Texte vorgestellt, als ihr vom St. Anne’s College in Oxford die „Weidenfeld Visiting Professorship“ zuerkannt worden war. Das Buch erschien im selben Jahr auf Englisch; seit einigen Monaten liegt es nun endlich auf Deutsch vor.

Samuel Hamen

[zuerst erschienen in: „Livres – Bücher“, 09/2017, der Literaturbeilage des „tageblatt“]

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