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Storytelling II, … oder: Eine neue nationale Erzählung für Luxemburg

Der erste Satz von Tolkiens „Der Hobbit“ lautet: „In einem Loch im Boden lebt ein Hobbit.“ Hiermit sind die Gesetze dieser Welt definiert: Es gibt Wesen, die Hobbits heißen. Und es gibt Häuser, die in den Boden hineingebaut sind. Von nun an wissen wir, was als möglich bzw. unmöglich zu gelten hat in dieser fiktiver Welt. Die Literaturwissenschaft nennt diese Methode, einen Eigenraum mit seinen Gesetzen und seiner Normalität auszustatten, eine Diegese.

Seit dem Anfang der sogenannten Nation-Branding-Kampagne arbeitet man sich auch in Luxemburg daran ab, eine solche Diegese zu implementieren. Die Kampagne startete mit einer offenen Umfrage, bei der jeder online angeben konnte, was für ihn „typisch luxemburgisch“ sei. Nach dem Sammeln, Evaluieren und Rumschrauben stand fest, welche Marke das Großherzogtum von nun an sei. Der Spruch lautet: „Luxembourg. Let’s make it happen.“

Und die Kernwerte, die vermeintlich jeden Luxemburger ausweisen, sind: offen, dynamisch, zuverlässig.

Es geht in Werbemaßnahmen und Pressemitteilungen, bei öffentlichen Auftritten und Verlautbarungen, nunmehr darum, die Marke zu etablieren und zu distribuieren, sie zu erzählen und dadurch in die Hirne der Leute reinzuwinden. Nichts trägt und hält so gut wie eine gute Geschichte. Zusätzlich geht die Kampagne Hand in Hand mit dem von der gelb-rot-grünen Regierung in Auftrag gegebenen Dossier des Ökonomen Jeremy Rifkin. In einer Zukunftsprognose bezüglich der wirtschaftlichen Aufstellung Luxemburgs spricht Rifkin von Sharing-Kreislauf, intelligenten Industrien und grünen Oasen allenthalben. Gemeinsam stecken diese beiden Projekte das Feld ab, innerhalb dessen sich die neue luxemburgische Geschichte entfalten kann.

Eine neue Nationalgeschichte für das Großherzogtum muss her, eine narrative Umprogrammierung für seine Bürger muss eingeleitet werden. Fortan sollen „wir“  flexibel, dynamisch, digital, adaptiv sowie weltoffen sein, für eine Welt wohlverstanden, die aus wirtschaftlichen Initiativen besteht, aus einer ökonomischen Ideologie, derer sich die Gesellschaft anzupassen hat. Typisch für das Großherzogtum ist, dass das Verlangen nach der Kategorie des Nationalen, das in vielen Ländern Europas um sich greift, an eine ökonomische Idee gekoppelt wird. Das mag den einen froh stimmen, weil kein Volk aufgewiegelt wird, weil keine Eigenlob- und Fremdenhassspirale aufgezogen wird. Den anderen mag es traurig stimmen, weil sich in Luxemburg scheinbar nichts außerhalb der kapitalistischen Weltanschauung denken lässt.

Im Rahmen der Diegese wird nun von Seiten der Regierung eine neue Seite aufgeschlagen, die von kosmopolitischen 3.0.-Arbeitern redet, von hyper-digitalisierten Industrien und von uns Bürgern irgendwo in einem Spalt dazwischen. Etienne Schneider, der rote Wirtschaftsminister, beginnt, von Space Mining zu labern, von Asteroiden, die wegen ihrer Ressourcen ausgeschlachtet werden sollen. Und arg schnell wundert man sich nicht mehr über derlei. Die neue Regel ist proklamiert worden, die neue Welt ist rhetorisch im Entstehen. Tolkien hat seinen Hobbit, Schneider seinen Space-Mining-Arbeiter.

Und folgende Episode aus einem sehr lesenswerten Guardian-Artikel klingt so, als habe jemand im Auftrag der Regierung einen platten Groschenroman verfasst: Bei einer Wirtschaftsmission nach Silicon Valley wurde der Erbgroßherzogin Stefanie, die Teil der Delegation war, von einem US-Unternehmen eine Halskette geschenkt, die mit Asteroidensteinchen besetzt ist. So wirbt man heute um eine Hofdame.

Bei diesem narrativen Großentwurf wird nun jeder, ob klein, ob groß, zum Botschafter für die nationale Sache. Auf einem internationalen Pfadfinder-Camp in Luxemburg-Stadt werden Halstücher verteilt, auf denen das Symbol vom Nation-Branding prangt. Der nationale Fußballverband ist seit März 2017 offizieller Partner der Kampagne. Und bei Konferenzen von Wirtschaftsverbänden dürfen die mannshohen Banner mit dem X-Logo nicht fehlen.

 

Auch bei den „Jeux de la Francophonie“, eine Art Olympiade für französischsprachige Länder, mussten alle aus Luxemburg Entsandten ein Trikot mit dem Logo tragen. Unter ihnen waren auch zahlreiche Künstler: Literaten, Theaterleute und bildende Künstler. Selbst die Kunst scheint vor diesem öko-nationalen Marketingzugriff also nicht gefeit zu sein. Und wie so oft folgt auf diese Anmaßung das großherzogliche Laissez-Faire-Achselzuckeln. Bis auf einige wenige Ausnahmen gab und gibt es keine Entgegnung, keine Kritik an dieser Funktionalisierung von Kunst und Künstlern. Wieso auch? Mit viel Sponsorengeld, Bühnenpräsenz und Rumgeschmeichele lässt sich eigentlich jeder überzeugen. Es ist schließlich für eine gute, luxemburgische Sache.

Samuel Hamen

[Eine modifzierte Fassung auf Luxemburgisch erschien am 13. September als Kulturchronik beim Radiosender 100komma7, hier der Link.]

[Der erste Beitrag der Storytelling-Reihe ist hier zu finden.]

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