Kommentare

Schöne Kunst kann grausam sein. Über den Hellersdorfer Literaturstreit um Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“

Nach Sexismus-Vorwürfen soll an der Berliner Alice Salomon Hochschule eine Fassade umgestaltet werden, die das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer trägt. Die Medien schalten reflexhaft auf Eskalation, viel ist von Zensur, Missachtung der Kunstfreiheit und überzogener politischer Korrektheit zu lesen. Auffällig ist, was dabei auf der Strecke bleibt: eine Interpretation des Gedichtes.

„Avenidas“ steht seit 2011 auf der Südfassade der Hochschule im Berliner Stadtteil Hellersdorf. Angebracht wurde es im Rahmen der Verleihung des dortigen Poetik-Preises an den bolivianisch-schweizerischen Schriftsteller und Ästhetik-Professor Eugen Gomringer, seines Zeichens eine der Leitfiguren der Konkreten Poesie. Das Gedicht selbst stammt aus den Fünfzigerjahren und lautet im spanischen Original vor Ort und Stelle so:

21556984_10155117921258337_2027098871_o(1)

In einer Stellungnahme des AStAs der Alice Salomon Hochschule wird die folgende Übersetzung vorgeschlagen:

„Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und

ein Bewunderer“

Kritisch vermerkt der AStA in seinem offenen Brief bereits 2016: „Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.“

Eine klare Positionierung der Studierenden der Hochschule, die dann auch, wie jetzt überall zu lesen ist, die treibende Kraft hinter dem Senatsbeschluss zur Neugestaltung der Fassade gewesen sein sollen. Und doch wird in dieser Stellungnahme, abgesehen von einer kurzen Inhaltsangabe, auf eine Analyse, geschweige denn Interpretation von „avenidas“ vollständig verzichtet. In diesem hochschulpolitischen Zusammenhang ist das sicherlich erst einmal zu verschmerzen.

Deutlich weniger glimpflich nimmt sich da schon die Verteidigungsrede von Eugen Gomringers Tochter, der Lyrikerin und Bachmannpreis-Trägerin Nora Gomringer, auf Facebook aus. Auch Gomringer geizt in ihrer Empörung über die Vorwürfe mit einer auch nur ansatzweise ambitionierten Gedichtinterpretation. Sie begnügt sich mit der vagen Behauptung, dass der Text „absolut entfernt von jeder Emotionalität“ sei, jedoch „die Auswahl der bewunderten Menschen und Gegenstände eindeutig“ und überhaupt hier „alles von außen, nichts von innen“ sei.

Der „Bewunderer“ (auf Spanisch: „un admirador“) beherrsche, auch wenn an prominenter Stelle (dem Ende) stehend, das Gedicht mitnichten, sodass die angesprochenen Frauen („mujeres“) sein Urteil nicht zu fürchten bräuchten. Vielmehr sei es die Konkretheit der Aufzählung, die auf „Werte verweist, die mitten im Leben, mitten in Berlin 2017 Gültigkeit haben und Schönheit besitzen“, nämlich „dass wir verbunden sind in der Welt, wir alle miteinander“. Wie könne man, fragt Gomringer, ein solches Gedicht einfach „loswerden“ wollen?

Geradezu drastisch wirkt in puncto Deutungsverweigerung schließlich die Äußerung der Münchener Literaturprofessorin Barbara Vinken bei Deutschlandfunk Kultur. Sie finde „avenidas“ ein „sehr bewundernswürdiges Gedicht, das die Schönheit der Welt einfach in fünf Wörtern erblühen lässt“. Die „unschöne“ und „bedenkliche“ Reaktion des Sexismus-Vorwurfs lasse sich als „Symptom“ einer auf Sexismus fokussierten „homosozialen“ Lebenswelt verstehen, in der wahre Bewunderung nicht mehr vorstellbar sei. „Da kann aber das Gedicht nichts dafür“, so Vinken.

Ist das wirklich so? Kann „avenidas“ nichts für seine eigene Interpretation? Ich meine, es lassen sich sehr wohl Strukturen in diesem Gedicht identifizieren, die den Sexismus-Vorwurf wenn nicht begründen, so zumindest verständlich werden lassen. Man muss hierzu aber bereit sein, sich auf die Ebene der Wörter und der in ihnen kodierten Symbolik zu begeben – gewissermaßen ins Gedicht-Innere, entgegen dem Diktum Nora Gomringers.

Gerade die über die Symbolebene zugänglichen Tiefenschichten des Gedichtes sind es nämlich, die es in sich haben. Hierzu soll für einen kurzen Moment der Blick einmal weggeleitet werden von den Begriffen „mujeres“ und „admirador“, die oberflächlich betrachtet für die meiste Aufregung im Gedichtstreit gesorgt haben. Die grundlegenderen Bedeutungsträger sind in der Assoziationskette nämlich zwei andere Begriffe: „avenidas“ und, vor allem, „flores“.

Schon das spanische Wort „avenidas“ ist beileibe nicht nur mit „Straßen“ oder „Alleen“ zu übersetzen. „Avenidas“ kann auch „Zugang“, „Zufahrt“ oder „Zustrom“ bedeuten. Der Verweis von manchen Diskussionsteilnehmern auf den angeblich verbrieften Beschreibungsgegenstand, die Promenade „Las Ramblas“ im Zentrum Barcelonas, mag insofern die erotische Konnotation des Begriffes der „avenida“ verdecken. Diese ist im Zusammenhang der Anatomie der Beckenorgane von „mujeres“ und „admirador“ aber eigentlich kaum erklärungsbedürftig.

Die „flores“ (Spanisch für „Blumen“ oder „Blüten“) sind ein noch viel weniger subtiles Symbol, man denke etwa an den medizinischen Begriff der „Defloration“ („Entjungferung“) oder das schon im deutschen Minnesang vorhandene Motiv des „bluomen brechens“. Ein kurzes Zitat aus dem „Blumentraum einer Patientin“, wie es sich in der Mitte von Sigmund Freuds „Traumdeutung“ von 1899 findet, gibt weiteren Aufschluss. Dort begegnet man sogar der gleichen Kombination aus Straßen und Blüten.

In besagtem Traumprotokoll sieht Freuds Patientin vor sich einen Kirschblütenbaum, von dem es heißt: „Andere Arbeiter haben solche Äste aus einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen nehmen kann.“ Freuds lapidare Fußnote hierzu: „Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i.e. masturbieren.“

Ist auch der besagte „admirador“ am Gedichtende vielleicht nichts anderes als eine Art Freudscher Arbeiter zwischen blühenden Bäumen? Spätestens hier schwant einem Böses. Die passende Assoziation aus der Literaturgeschichte liefert ein auf den ersten Blick ähnlich unschuldsvoller, aber nicht minder ambivalenter Gedichttext mit gravierendem Unterton: Goethes „Heidenröslein“.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie dieses Gedicht in der Vorlesung „Zur Einführung in die Literaturwissenschaft“ in meinem ersten Semester Deutsche Philologie in Heidelberg besprochen wurde. Unser Literaturprofessor Helmuth Kiesel versuchte uns möglichst schonend beizubringen, dass manche Interpretatoren diesen Text als verklausulierte Beschreibung einer Vergewaltigung läsen. Das „Röslein auf der Heiden“ wird nämlich gegen seinen Willen durch einen „wilden Knaben gebrochen“.

Dass Kiesel diese Deutung für überzogen hielt, ließ er uns wissen, indem er sogleich die populäre Volkslied-Vertonung von „Heidenröslein“ durch Heinrich Werner auf der Mundharmonika intonierte – wiegende Walzertakte von bukolischer Harmonieseligkeit. Wäre Kiesel gegenteiliger Ansicht gewesen, hätte er uns wohl eher die nicht minder berühmte Kunstlied-Version Franz Schuberts vorgespielt, mit ihrer so unterschwelligen wie tragischen Moll-Wendung auf „half ihm doch kein Weh und Ach“.

Man wünschte, es würden ähnlich polarisierende Neue-Musik-Vertonungen von Eugen Gomringers „avenidas“ existieren. Denn selbiges trägt in seiner Grundperspektive womöglich mehr von „Heidenröslein“ in sich, als seinen „Verteidigern“ im Hellersdorfer Gedichtstreit lieb sein kann. Jedenfalls lässt die Analyse der durch die sexuelle Tiefensymbolik evozierten Unbestimmtheitsstellen diesen Schluss durchaus zu – was einem auch den „admirador“ nachgerade unheimlich erscheinen lässt.

Ist das Gedicht darum als „sexistisch“ zu werten? Nahe liegt zumindest die Deutung, dass in den Versen ein Sachverhalt thematisiert wird, den man als Phantasmagorie weiblicher Sexualobjekte durch ein euphemistisch als „admirador“ tituliertes männliches Subjekt beschreiben könnte. Vielleicht gewinnt das Gedicht durch die leise Implikation des Übergriffigen sogar an ästhetischem, wenn auch nicht minder schreckenserregendem Reiz. Wer sagt, dass schöne Kunst nicht grausam sein kann?

Dass eine auf die erotische Semiotik reagierende Rezeption unbedingt in den konkreten Strukturen des Gedichtes angelegt ist, scheint in der bisherigen Diskussion allerdings völlig untergegangen sein. Dies mag dem allgemeinen Debattenreflex geschuldet sein: Alle wollen sich äußern, und zwar so pointiert wie möglich, aber bitte ohne sich die Hände mit Hermeneutik aufzureißen! Trotzdem bleibt der bittere Beigeschmack eines im wahrsten Sinne sterilisierten Literaturstreits: Dass wir uns mit unserer Deutungsverweigerung die Zugänge nicht nur zu tieferen Formen der Symbolik, sondern auch zum kollektiven Unbewussten insgesamt verstellen.

Ich würde es mir übrigens zweimal überlegen, ob ich mir Goethes „Heidenröslein“ auf meiner Hauswand anbringen ließe. Zumindest könnte ich in diesem Falle das Zähneknirschen des einen oder anderen informierten Literaturkfreundes durchaus verstehen. Ähnlich geht es mir mit Gomringers „avenidas“, weshalb ich der geplanten Umgestaltung der Hochschulfassade eigentlich relativ gelassen entgegensehe. Das Gedicht einfach unverändert stehen zu lassen, käme mir eher wie der indolente Zuruf des bitteren Resümee aus „Heidenröslein“ vor: „Musst es eben leiden!“

Jonathan Schaake

Advertisements

4 Kommentare zu „Schöne Kunst kann grausam sein. Über den Hellersdorfer Literaturstreit um Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“

  1. Da der (mathematische) Normalfall ein heterosexueller Mann ist, wird der (mathematische) Normalfall auch sein, dass ein schauender Mann, Blumen und Frauen bewundert. Also was für ein Schwachsinn daraus ein Politikum zu machen. Die Mehrheit der vorbeigehenden Menschen wird es nicht einmal lesen können.

    Gefällt 1 Person

  2. Verdächtig allerdings, daß der Autor dieser Interpretation selbst so oft von Sexualiät spricht. Mir scheint hier ein verdächtiger Vergewaltigungswunsch vorzuliegen. Insofern ist diese Interpretation bitte sofort aus dem Netz zu entfernen.

    Aber vielleicht handelt es sich auch nur um eine gelungene Satire der Dekonstruktion.

    Gefällt mir

  3. Sehr schön schrieb es mein alter Bloggerkollege che, der aus der Linken und autonomen Ecke kommt:
    „Die benannte moralische Rigorosität ist indes ein Phänomen, das etwas zu tun hat mit der Noch-nicht-Ausbildung eines Erwachsenen-Ichs und der Bindung an straffe Moral als Mittel, mit kognitiven Dissonanzen umzugehen.Ich zitiere nochmal meine alte Genossin Anne: Dazu musst Du ein pädagogisches Verhältnis haben“

    Und das ist es wohl eher, und nicht eine an den antihermeneutischen Haaren und aus dem Sumpf einer irgendwie trüben Phantasie heraufgezogene Vergewaltigungsphantasie halbpubertärer Männer, die in ihrem Höslein was stehen haben, das sie gerne ins Röslein brächten und unsicherer Frauen, die damit ihre lieben Probleme haben.

    Insofern ist es vielleicht richtig, hier einfach intellektuell abzurüsten und zu diesen Leuten samt den Interpreten ein pädagogisches und ein eher helfendes Verhältnis auszubilden.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s