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Was sollen wir nur tun, Volker? Über eine abträgliche Besprechung von Linda Boström Knausgårds Roman „Willkommen in Amerika“

Mit der Platzanweisung fängt es an. Wer den Oberkellner kennt, kriegt den guten Tisch am Fenster. Ansonsten sitzt du neben der Tür zur Küche, die so ein albernes ovales Guckloch hat und dir zuverlässig die fischigen Gargerüche in den Nacken fächert. Mit der Zuteilung von Raum werden Hierarchien und Strukturen evident, die einem so vielleicht noch nicht aufgefallen sind. Das ist raumtheoretischer Konsens, wird aber in Volker Weidermanns Buchbesprechung von Linda Boström Knausgårds neuestem Roman auf so mustergültige Weise vorgeführt, dass ein Blick in die Rezension lohnt. Die Kritik, nur eine Seite lang, erschien in der Augustausgabe vom „Literatur Spiegel“ und ist von Anfang bis Ende ein Affront gegen literarische Selbstständigkeit.

Im chronisch platzmangelhaften Untertitel beginnt die Raumzuweisung, er lautet: „Ihr Kampf: Linda Boström Knausgård, frühere Ehefrau des Entblößungsromanciers Karl Ove Knausgård, hat einen zarten Roman über ein stummes Mädchen geschrieben.“ Ihr Romanprojekt wird nicht als eigenständiges eingeführt, sondern analog zu dem von KOK ( = seine „Min Kamp“-Reihe) gedacht. Von Anfang an ist klar, wer hier von wem abstammt. LBK hat das doppelte Nachsehen: Sie ist nur die „frühere Ehefrau“. Und muss wohl oder übel im Folgenden unter Beweis stellen, was sie denn zu bieten hat in ihrer Literatur: Kann Sie mit ihrem Exmann mithalten? Was für eine Kompositumsromancière ist sie? (Auch Entblößung? Rache? Verneinung?) Insgesamt ähnelt diese Logik jener, mit der dieser grandios bescheuerte Link-Titel zustande kam, nur ist sie ein wenig behutsamer am Werk:

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Auf dem Foto ist immerhin LBK zu sehen, wie sie brütend an einem Tisch sitzt und halb zur Seite, halb nach unten schaut. Die Legende dazu lautet: „Autorin Boström Knausgård / „Was sollen wir nur tun, Karl Ove?“ Das ist kein Zitat aus dem besprochenen Buch, sondern eine vermeintlich authentische Frage, die „Karl Ove“ in einem seiner „Min Kamp“-Bücher erwähnt. LBK soll sie, so lesen wir dort, KOK gestellt haben, nachdem sie seine Romane fertig gelesen hatte. LBKs Buch ist mit 144 Seiten zwar recht kurz – aber hätte es nicht möglich sein müssen, in einem Artikel über sie ein Zitat aus ihrem Text unter ein Foto von ihr zu setzen? Ganz zu schweigen davon, dass gerade diese Was-Nun-Frage in all ihrer Hilf-mir-mich-zu-orientieren-ich-bin-ohne-Kompass-und-auch-noch-eine-Frau-Haftigkeit schwer erträglich ist.

Der erste Absatz des Haupttextes führt diese Denkbewegung in anderer Weise fort. Sein erster Satz lautet: „Dass Frauen zurückschlagen, das gibt es ja gar nicht so selten in der Geschichte der Weltliteratur.“ Es geht darum, was Frauen (schriftstellerisch) so machen, nachdem Männer etwas gemacht haben: wie Leo Tolstois Ehefrau Sofia auf Leo Tolstoi reagiert, wie Ingeborg Bachmann auf Max Frisch reagiert, wie Alice Carey auf Max Frisch reagiert. Die Autorinnen sind deswegen der Erwähnung und Besprechung wert, weil das, was sie sagen, ausgeht von einer ersten Artikulation, durch die das dann Gesagte überhaupt erst bedingt, legitimiert und wertschätzungsfähig ist.

Unter genau dieser Bedingung wird LBK dann über zwei weitere Absätze als die Frau von KOK vorgestellt. Es geht darum, was er ihr angetan hat durch sein Großprojekt, darum, was ihre bipolare Störung angerichtet hat, und letztlich und vor allem und leider darum, was das alles nicht mit ihrem Roman „Willkommen in Amerika“ zu tun hat. Nach Überschrift, Fotolegende und 34 Zeilen Haupttext ist vom besprochenen Buch kaum ein Fitzel in Sicht.

Immerhin wissen wir jetzt, wie schief die Rahmung dieses Artikels hängt: Alles in der Besprechung ist zentralistisch ausgerichtet, sie kennt nur eine magnetische Anziehkraft, KOK, den das (vor allem: deutsche) Feuilleton seit Jahren willig hofiert. Tatsächlich ist es dem norwegischen Autor gelungen, alles um sich herum zu arrangieren: eine von seiner Prosa umgeworfene Leserschaft, eine von seiner Prosa kaputte Exfrau, eine von seiner Prosa hörig gewordene Kritikerkaste.

Der Artikel kann sich diesem Einstieg nicht mehr zur Wehr setzen; viele Formulierungen und Pointen sind infiziert von dieser biographischen Bezüglichkeit, diesem Drall hin zu KOK, hin zur kaputten Realo-Beziehung, und Weidermann wirkt dieser latenten Lesart keineswegs entgegen. Vielmehr stimuliert er sie durch Beobachtungen bezüglich des Romans, die sich vermeintlich nahtlos in die Text-Stringenz einfügen, so, als wäre LBKs Werk exklusiv als schriftstellerische Reaktion auf KOK zu lesen: Der Roman wird undenkbar und unlesbar ohne die biographischen Bezüge. Textproben: „Es ist die Geschichte vom langsamen Wachsen einer Depression.“ „Aber Ellen will nicht in diesem gleißenden Weiß stehen, ausgeleuchtet für immer.“ „Der Anfang eines Schreibens. Als Notwehr und Befreiung. Auch davon erzählt dieses wundervolle Buch.“

Der vorletzte Absatz beginnt dann mit dem Satz: „Ja, und natürlich schließt sich nun doch eine Art Kreis, der uns wieder zurückführt zum Werk Karl Ove Knausgårds.“ „Natürlich“ ist hier nichts, keine Gesetzmäßigkeit oder vereinbarte Üblichkeit führt zu diesem Ende, sondern ausschließlich eine von Anfang an virulente Denklogik, derer sich der Kritiker gar nicht gewahr zu sein scheint. Der gar nicht zu sehen scheint, wie bedingt und borniert hier der einen Sache der Vorrang eingeräumt wird, während bis zuletzt der Glaube vorherrscht, eine andere Sache zum Thema zu haben.

In seiner boulevardesken Logik kann dieser Text tatsächlich nicht anders schließen, als zum Mann zurückzukehren, zum ersten Beweger, der durch seine opferreiche schriftstellerische Großtat auch dieses Buch mithervorgebracht hat. In dieser Sicht ist „Willkommen in Amerika“ „natürlich“ auch ein Buch voller, wie Weidermann schreibt, „vollendet zärtlicher Brutalität“. Vor allem aber ist es eine Nebensache, Beiwerk vom Totalkünstler KOK.

Selbst wer sich viel Mühe gibt, kann diese Kritik (und schlimmstenfalls das danach gekaufte Buch) nicht ohne diese Zwangsbezüglichkeit lesen. Ein so wunder Punkt wie blinder Fleck bleibt die Tatsache, dass sich die(se) Literaturkritik gar nicht bewusst zu sein scheint, wie maßgeblich sie daran beteiligt ist, Autoren und Autorinnen in ihrem fashioning zu unterstützen bzw. zu behindern. Wie sehr sie der Leserschaft in ihren Reportagen, Kritiken und Portraits Rezeptionshilfestellungen anbietet bzw. aufnötigt, die überhaupt erst dazu führen, dass personenzentrierte Hypes erstens entstehen und zweitens – in einer Art Backlash – dann die eigene befangene Kritikerarbeit auf vernichtende Weise torpedieren. Also: Was sollen wir nur tun, Volker?

Samuel Hamen

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