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Auf Mercedes Benz reimt sich Dekadenz.

Was haben Autobesitz und ein „Poetry Slam“ miteinander zu tun? Der Versuch eines Nachvollzugs.

Ob Strumpf, Ozon oder Sommer – es ist nicht immer einfach, die vielen Löcher zu stopfen. Das wissen gerade im Juli, August, September die Redakteure der Zeitungen. Wie angeschossene Rehe irren sie durch das Luxemburger Ländchen, um Terrassen, Camping-Wiesen und Schotterwege in Bestenlisten vorzustellen. Schließlich müssen die blanken Seiten gefüllt werden. Auch der freischaffenden Künstlerriege fällt es in diesen Monaten besonders schwer, über die Runden zu kommen. Kulturhäuser, Theater und Lese-Cafés sind in ihren „Congés“, und nirgends sind Aufträge in Sicht.

Jedenfalls lässt sich nur so erklären, wie eine Veranstaltung wie der „Poetry Slam“ im „Mercedes-Benz Summer Store“ mit Luc Spada als Moderator gedacht, geplant und umgesetzt werden konnte. Dort werden die vier Wortkünstler Dalibor Marković, Pauline Füg, Dominique Macri und Maras ihre „smarten Wortschöpfungen und fetten Reime“ vortragen, um – so der Werbetext von Mercedes – „die Gunst der poetischen Herzen der Zuschauer“ zu erlangen.

So weit, so öde. „Poetry Slams“ im Jahr 2017 sind wie diese einfallslosen Sommer-Interviews mit Politikern: keine große Überraschung, an der Grenze zum Überstrapazierten, aber noch okay. Wer sich für die Veranstaltung anmelden wollte, musste online ein Pflichtformular ausfüllen: Name, Vorname, Email, die üblichen, nervigen Verdächtigen, das letzte obligatorische Eingabefeld aber lautete: „Aktuelles Fahrzeug“.

Wer kein Auto besitzt bzw. sich allzu sehr schämt für seinen angerosteten Opel Corsa mit dem knallgrünen Ersatzkotflügel, der kommt an dieser Stelle nicht weiter. Da nützen einem weder e-Bike noch der Kulturpass, weder Guide auto-pédestre noch die CFL-Jahreskarte. Können sich die Verantwortlichen überhaupt Menschen ohne Autos vorstellen? Die viel drängendere Frage lautet aber: Was verdammt nochmal haben Auto-Modell und Literatur miteinander zu tun?

mercedes_poetry_slam
Die Anmeldeseite

Nun gut, jede privat organisierte Veranstaltung darf sich ihre Regeln geben. Eigentlich darf niemand dazwischenfunken, wenn bei der nächsten Koch-Soirée zur Einlasskontrolle der Body-Mass-Index festgestellt wird. Aber es kneift und schmerzt schon, dass sich Literaten für diese schamlose Werbemaßnahme seitens Mercedes einspannen lassen. Denn die Marketing-Krake hat immer nur sich selbst im Blick: Alles andere wird zum Handlanger, zur Werbefläche, zum Mittel für die Steigerung der Reichweite. Wer mitspielt, spielt nach den Regeln des Auftraggebers, so sehr er oder sie sich auch als autonomen Künstlergeist wahrnimmt. Oder soll das alles wieder ironisch, post-modern, willkürlich sein, ein kokettes Abbild unseres Zeitgeists? Auch das: öde.

Wobei: 1927 gab es bereits eine Annäherung zwischen Literatur und Auto-Marketing. Der Lyriker, Essayist und Stückeschreiber Bertolt Brecht schrieb das Gedicht „Singende Steyrwagen“ – und erhielt als Geschenk ein Gefährt von Steyr. Das klang so: „Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. / Unser Motor ist: Ein denkendes Erz. // Mensch, fahre uns!!“ Die Literaturkritik war sich schnell einig: Grausiges Gedicht, schludrig und schlampig! Die Literaturwissenschaft denkt sich heute: Brecht hat absichtlich mies geschrieben, um als subversiver Künstler unabhängig zu bleiben – und trotzdem den schnieken „Steyr“ abzugreifen. (Den er übrigens zwei Jahre später gegen einen Baum fuhr, nur um noch eins von derselben Marke geschenkt zu bekommen.)

Ob die vier geladenen Künstler es Brecht nachtun werden? Absichtlich lausige Texte vortragen und auf eine der hochpolierten Menschen- und Abgasschleudern schielen werden? Vielleicht gibt’s auch nur eine dieser schwarzen Kappen mit diesem hässlichen prolligen Stern vorne drauf. Wir dürfen gespannt sein: am 17. August um 19 Uhr im „Mercedes-Benz Summer Store“ am „Knuedler“ in Luxemburg-Stadt, Eintritt frei für alle autobesitzenden Kulturmenschen bzw. kulturbesitzenden Automenschen. Das wiederum scheint für das (gefährt-)reiche Luxemburg kein Problem gewesen zu sein. Kurz nach der Ankündigung waren bereits alle Plätze vergeben.

Samuel Hamen

[Der Text hätte erscheinen sollen in: „tageblatt“ vom 16.08.2017,

wurde seitens der Chefredaktion aber

aus „sponsor-strategischen Gründen“ verhindert.]

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3 Kommentare zu „Auf Mercedes Benz reimt sich Dekadenz.

  1. als Rahmung: https://www.facebook.com/gustav.gustl/posts/10154578158257471

    als verdammt passender Goetz-Kommentar: „Und die Baracke, steht im Programmheft, ist von Mercedes gesponsert, habe ich damals gelesen, danke Mercedes. […] Aber es ist doch klar, daß jeder Mercedes eines der allergrößten Kunstwerke überhaupt ist, fast so groß wie ein Mensch, bißchen weniger nur. Das ist gemeint. Der ganze Spaß im Umfeld aller Assoziationen zu Kapital und Kunst, die gute Laune, die durch die Vorstellung entsteht, daß auch die Art Ideenarbeit, die ein Stücktext ist, was Sponsorbares sein könnte usw usw.“ Rainald Goetz, Sa., 12.12.98, 16.06 Uhr, Berlin, Abfall S. 792.

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  2. Ebender: „Holtrop sah, wie Thewe, das Jackett zum Schutz gegen den Regen über den Kopf gezogen, auf seinen Jaguar zuging, springend fast, die Türe öffnete und sich groß und schwarz, wie er nun einmal gemacht war, in seinen [dunkelgrünen] Jaguar hineinfaltete, ‚lächerlich‘, dachte Holtrop, also doch immer noch wütend, und schimpfte in sich auf Thewe und dessen Jaguar.“ (S. 56)

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  3. In Hamburg ließ Mercedes Benz vor einigen Jahren einen Shanty-Chor in den »Showrooms« auftreten. Das war noch vor dem Dieselskandal, Mercedes hatte die besserverdienende Klientel zwischen 30 und 50 in den Großstädten in weitem Umfang an Audi verloren. Solche Auftritte (vermutlich sagte man »Events«), hörte ich damals, plante man im Rahmen einer großangelegten Imagekampagne. Mercedes wollte als ebenso modern gelten wie Audi und sich jung-intellektuell präsentieren. Worunter man »Summerstores«, Shanty und Poetry Slam zu verstehen scheint.
    Damals erschien mir das völlig absurd, aber ich habe mich wohl getäuscht, da es ja zu funktionieren scheint.

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