Kritiken

Direkt davor und längst danach. Über Jan Wehns „Morgellon“ und Hendrik Otrembas „Über uns der Schaum“

„Morgellon“, der Erstling von Jan Wehn, ist ein Buch der Anregungen. Es sind die medialen, pharmazeutischen und psychotischen Stimuli unserer Zeit, die den Protagonisten Noah Zimmermann auf gerade einmal 75 Seiten ans Ende der Gesellschaft und seiner selbst treiben. Mit einer Junkie-Einlage setzt der Wegfall aus dem Sozialen ein: Nachdem der Student Noah seinem Dealer Sven Pillenrezepte abgekauft hat, verbunkert er sich in der Wohnung seines verstorbenen Großvaters und snifft eine Ladung Oxycodon. Der Trip setzt schnell ein, und endlich gleitet Noah hinüber in den Stumpfsinn der Substanzen, in die Taubheit der Weltferne.

Gerade der Drogenkonsum und die psychotischen Schübe hätten den Sprachstil von „Morgellon“ ins Exzessive hin abdriften lassen können. Stattdessen fußt die Novelle auf einer braven realistischen Prosa ohne jeglichen Drall ins Experimentelle, Exzentrische, Eigenartige. Viele Passagen sind dementsprechend zugekleistert mit Adjektiven, im Glauben, es reiche, möglichst deskriptiv zu schreiben, um Prägnanz und Stimmung heraufzubeschwören:

„Im Wohnzimmer stehen die beiden mit beigefarbenen Kunstleder überzogenen Sofas, davor ein hüfthoher Tisch, dahinter die eine ganze Zimmerseite einnehmende Schrankwand aus dunkelbraunem Pressholz mit Opas überschaubarer Bibliothek.“

Das wirkt mitunter wie die Set-Beschreibung für ein Filmscript, nicht wie das Intérieur eines literarisch begehbaren Raums. „Morgellon“ gelingt es gleichwohl, zu überzeugen: Noah wird uns als Stellvertreter und Opfer einer so irren wie wirren Zeit vorgeführt, sein Niedergang ist Fiktion gewordene Auswirkung einer real existierenden Orientierungslosigkeit

Von Sven wird Noah auf die sogenannten Chemtrails hingewiesen, die von Flugzeugen gestreut werden, um die Bevölkerung ruhig zu halten. Es folgen Treffen mit einer Youtuberin, die Noah erklärt, wie er Abwehr-Pyramiden zum Schutz bauen kann. Diese und andere Begegnungen bedingen bei dem paranoiden Protagonisten einen semiotischen Exzess. Alles wird zum Zeichen, zum Hinweis auf Weltherrschaft, Manipulation und Apokalypse. Zurück bleibt ein ängstliches Männlein, das versucht, die Handhabung über sein Leben zurückzuerlangen, indem es sich der Survival-Ideologie und der Erklärbärlogik der Verschwörungstheoretiker hingibt.

Auf den letzten Seiten erinnert der Protagonist an den schießwütigen Typen aus Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, der im deutschen Morast stecken geblieben ist und auf alles zielt, was seiner hehren Auslegung von Vergangenheit widerspricht. Mit dem feinen Unterschied, dass Wehns Hauptfigur paranoid gegenüber der Zukunft geworden ist. Mit „Opas altem Jagdgewehr“ verschanzt sich Noah im Schlafzimmer, bereit, endlich wehrhaft zu werden gegen die Zumutungen der Zeit. Ob er schießt, bleibt der Imagination der Leserschaft überlassen. Aber alle, die der dekadenten Abgebrühtheit gewahr sind, in der wir seit einigen Jahren wie in öliger Marinade eingelegt sind, werden sich denken können, welchem unguten Ausgang Noah entgegenwankt.

Während Jan Wehn sich in seiner studentischen Mentalitätsgeschichte dem Davor der Katastrophe widmet, siedelt Hendrik Otremba seine Figuren im katastrophischen Danach an. In der postapokalyptischen Detektivgeschichte „Über uns der Schaum“ folgen wir dem drogenabhängigen Privatermittler Weynberg, der in einer angegrauten Stadt lebt und seiner verstorbenen großen Liebe Hedy nachtrauert. Dabei entspricht seine abgehalfterte Psyche durchaus dem Weltzustand: Nach einem nicht näher beschriebenen Super-Gau oder Krieg sind ganze Landstriche unbewohnbar, das menschliche Miteinander ist roh und derb geworden, saurer Regen tröpfelt auf die Versehrten hinab. In diesem Sinne ist der Roman ein Stimmungszwitter zwischen „Gotham“ und „Sin City“ einerseits, „Mad Max“ und „Riddick“ andererseits.

Von einem zwielichtigen Firmenmagnaten bekommt Weynberg den Auftrag, dessen Geliebte Maude Anandin aufzuspüren. Es kommt, wie es kommen muss in diesem flott vorangetriebenen, choreographisch arg vorhersehbaren Roman: Weynberg verliebt sich in Maude, ist hin und weg von ihrer Femme-Fataligkeit, ihrer schillernden Unnahbarkeit, kurz: von dem überaus grob geschnitzten Klischee der elfenbeinernen rätselhaften Schönheit. Gemeinsam hauen sie ab, entwischen ihren Häschern, schlafen ausgiebig miteinander und lassen sich händchenhaltend vom „Schein der untergehenden Sonne, die der Welt eine gespenstische Farbe gab“, beleuchten.

Man hört, sieht und liest es: Otremba schreibt (wie Wehn) vom Film her, ohne sich dieser Herkunft entledigen zu können. Jeder Szene, egal, ob es sich um die Suche nach Maude in den Pestfeldern handelt oder um einen Show-Down mit den Verfolgern, kurz bevor das Figurenduo in Neu-Qingdao Unterschlupf findet, eignet etwas Cineastisches, etwas Szenisch-Visuelles. Immerzu muss der Plot in schnellen episodischen Bildern vorangetrieben werden, dem brutalen opferreichen Ende entgegen.

Die Art, wie Otremba Maude zur Erlöserin für einen kaputten Typen funktionalisiert, ist letzten Endes ultra-romantisch. Nur in der Liebe und im Sex, nur im safe space der Beziehung lässt sich die verseuchte Zudringlichkeit der Welt aushalten: „We found love in a hopeless place.“ Und selbst diese Konstellation rettet einen nicht immer über die Zeit. Das entspricht durchaus der altmodischen Kitschlogik von Rosamunde Pilcher & Co. Darüber kann auch die katastrophische Kulisse, die den Roman als zeitgenössisch ausweisen soll und die gerade sehr beliebt ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, nur bedingt hinwegtäuschen.

Samuel Hamen

[zuerst erschienen in „Livres – Bücher“, der Literaturbeilage

des „luxemburger tageblatt“, am 22.07.2017]

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