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Über Angst

Jede Zeit hat ihre Vokabel, in der sich die jüngste Mentalität ballt, ihren Grundbegriff, der die Jetzt-Stimmung fasst, ihre Denkfigur, die gehegt und gepflegt wird wie ein Tomatensträuchlein. Die Künstler des im öden Chic der Jahrhundertwende erstarrten Wien hatten vor 1914 ihren Ennui. Die 68er fanden im Tumult zusammen, in der grobianischen Lust, die Gesellschaft in Unordnung (heißt: zum Schwingen) zu bringen. Unausweichlich drängt sich die Frage auf: Was ist der Hashtag unserer Tage?

Auch ohne die redaktionelle Nötigung, im Titel alles verraten zu müssen, hätten die meisten die Antwort erraten. Wir reden von der Angst, die von A wie Arbeitslosigkeit über Big Data, Faschismus, Globalisierung, Klima, Migration, Überwachung bis hin zu T wie Totalitarismus reicht. Es ist eine Denkbewegung, die dem ganzen Alphabet eine Schelle gibt, getrieben von einem generellen Verdruss, der zuletzt in der Angst vor Z wie Zukunft mündet. Wie darauf reagieren? Mit der Vogel-Strauß-Methode? Kopf weg, Augen zu, Hirn tot? Oder der noch weniger bewährten Lemming-Methode? Nach vorne preschen, mit einer Umarmung runter in den Abgrund, im Glauben, die panisch rudernden Arme trügen einen schon irgendwie durch die Lüfte?

Dann doch lieber die Faultier-Methode, die der geniale Brachial-Performer Christoph Schlingensief in dem autobiographischen Band „Ich weiß, ich war’s“ beschrieb: „Wie diese Faultiere im Amazonasbecken, die ich gesehen habe, als ich in Manaus war. Die hängen da in den Ästen rum, mit dem Rücken nach unten, und bewegen sich nur in Zeitlupe. Einmal in der Woche gehen sie zum Kacken runter – und unten wartet der Jaguar. Fragt sich: Warum macht das Faultier das? […] Weil es höflich ist? Weil es denkt, ich gehe lieber runter und mache da mein Häufchen, sonst scheiße ich vielleicht jemandem auf den Kopf? Ich glaube ja eher, das Faultier geht runter, weil es ab und zu dem begegnen muss, was ihm Angst macht, um lebendig zu bleiben.“

Vor sieben Jahren starb der rastlose Berliner Theatermacher; dem himmelschreienden Irrsinn unserer Tage hätte er sicherlich einige kehlig-befreiende Laute entgegenzubrüllen gewusst. Seine Wut auf den Kontext, der ihn umgab, flankiert von einem ungläubigen fröhlichen Staunen, was doch alles möglich ist in einem Leben – diese Mischung fehlt heute mehr denn je. Denn so wie die nachtwuchernde Tomate im Dunkeln wächst, so schießt auch die Angst hoch und seitlich und überhaupt in alle Richtungen aus und macht unser Denken zittrig wie Chihuahua-Beinchen im Winter.

Das ist freilich keine neue, wohl aber eine akute Erkenntnis. In Charles Baudelaires Le Spleen (1857) lautet die letzte Strophe: „Et de longs corbillards, sans tambours ni musique, / Défilent lentement dans mon âme ; l’Espoir, / Vaincu, pleure, et l’Angoisse atroce, despotique, / Sur mon crâne incliné plante son drapeau noir.“ Wer sich aber jetzt von Literatur eine Lösung erwartet, eine Anweisung, wie denn nun zu verfahren ist, der ähnelt jenem gutmütigen Naivling, der glaubt, durch’s heimliche Runterzählen spränge die rote Ampel eher auf grün. Nie wird es früher grün, nie schneller schön, nur weil wir eifrig Seite um Seite umblättern. Was aber möglich scheint durch Literatur: ein- und umgestimmt zu werden bezüglich dessen, was in und um uns herum vorgeht. So endet etwa das „Gedicht gegen die Angst“ der Schweizer Autorin Ilma Rakusa folgendermaßen: „prüfe dein Herz / geh übers Feld / ruhe dich aus / rühr an die Welt“.

Samuel Hamen

[zuerst erschienen in: „luxemburger tageblatt“ vom 18.07.2017]

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