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Alle meine Ex-Hypes. Über „New Sincerity“ und die neueste Ausgabe der Literaturzeitschrift „Metamorphosen“

Es ist immer von Vorteil, über den jeweils aktuellen Literaturhype Bescheid zu wissen. Insbesondere, wenn dieser eigentlich schon wieder zu den Akten gelegt wurde, wie es vor kurzem der sogenannten „Alt Lit“-Bewegung in den USA ergangen ist. Hinter dem Label der „Alternative Literature“ hatte sich seit 2011 eine Gruppe junger, vorwiegend aus New York stammender Underground-Schriftsteller versammelt, deren Ästhetik geprägt war durch Formen radikalen autobiographischen Schreibens und die sich mitunter spektakulär über das Internet zu vermarkten wussten.

Die Speerspitze dieser Strömung, die teilweise synonym auch als „New Sincerity“ bezeichnet wird, bildeten Autoren wie Tao Lin, Megan Boyle, Steve Roggenbuck, Spencer Madsen oder Marie Calloway. Bereits Ende 2014 wurde die Bewegung offiziell für tot erklärt, als sich zahlreiche Alt-Lit-Protagonisten einem Shitnado aus Vorwürfen emotionalen, künstlerischen und sexuellen Missbrauchs von Seiten anderer „Alt Lit“-Protagonisten ausgesetzt sahen. Die einzige logische Konsequenz  hierauf schien der Alt-Lit-Szene die Abschaffung ihrer selbst zu sein.

Die genauen Charakteristika von „Alt Lit“ und New Sincerity verschwimmen seit ihrer Begründung im Vagen. Nicht umsonst ist das Adverb „vaguely“ eine Lieblingsvokabel von „Alt Lit“-Pionier Tao Lin in seinen Romanen „Richard Yates“ und „Taipei“, für die selbiger bereits etwas hochtrabend als „Kafka der Internetgeneration“ gehandelt wurde. Tatsächlich spielen digitale Kommunikationsformen eine herausragende Rolle für „Alt Lit“-Autoren, nicht nur als Verbreitungsweg von Literatur selbst, sondern als ständig präsentes Grundthema und Stilprinzip.

So durchziehen Chatprotokolle aus Internetforen oder Emailverläufe eine Vielzahl der Prosatexte, während das Twitter-Gedicht mit seiner Beschränkung auf 140 Zeichen zu einer Art Haiku-Substitut für New-Sincerity-Poeten geworden ist. Überhaupt scheint sich mit der Neigung der New Sincerity zu nerdigem Romantizismus und extremer Innenschau jenseits aller Schamgrenzen eine besondere Vorliebe für die Lyrik etabliert zu haben. Vielleicht ist gerade durch diesen Hang zur Inszenierung einer neuen Art von Authentizität in der kurzen Zeit ihres Bestehens keine zentrale Poetik der Alternative Literature entwickelt worden.

Was also letztlich das Spezifische an „Alt Lit“ sein soll, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber es lässt sich jetzt auch hierzulande genauer herausfinden, denn dankenswerterweise hat es sich der deutsche Schriftsteller Marc Degens zur Aufgabe gemacht, als Gastherausgeber der neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift „metamorphosen“ aus dem Berliner Verbrecher Verlag die Überbleibsel der Bewegung  zu sichten und eine kompakte Anthologie wichtiger Texte vorzulegen. Die unter dem Titel „alle meine ex-freunde“ versammelten und erstmals auf Deutsch erschienenen Prosatexte, Blogeinträge, Gedichte und Interviews bieten eine wertvolle Einführung in die derzeit wahrscheinlich bedeutendste Spielart post-postmodernen Schreibens – die so oder so ähnlich in Deutschland bislang kaum zu existieren scheint.

Was findet man in „alle meine ex-freunde“ so alles?

Man findet die sicher stilbildenden Gedichte Tao Lins aus dessen erstem Gedichtband „You are a little bit happier than I am“ in der Übersetzung Ron Winklers, die Titel tragen wie „ICH HASSE DIE WELT UND ICH BIN KEIN NOOB“ oder „ICH BIN NAH DRAN, MEINEN LITERATURAGENTEN ZU TÖTEN“ und in denen es beispielsweise heißt: „schließlich ist das leben leiden und leiden ist der wahre feind / und wenn du was bedeuten willst, ist so ziemlich alles, was dir bleibt, / das töten zum projekt zu machen ­­– / und dabei nicht nur auszuwählen wie hitler, nein: alle töten, wie das weltall / das in irgendeiner zukunft getan haben wird“. Hier, nur so, Tao Lin, Skateboard fahrend:

Man findet das über einen Internet-Hype auf Tumblr berühmt gewordene „sad cat poem“ des Lyrikers Spencer Madsen, das in der Übertragung von Clemens J. Setz den Titel „mein kater ist traurig“ trägt und mit den Versen “mein kater ist traurig / niemand sonst in seiner familie ist eine katze / wir sind alle menschen bloß er nicht / er ist von den meisten dingen ausgeschlossen“ beginnt.

Man findet mit Megan Boyles „Mit wem ich bisher Sex hatte“ einen Schlüsseltext der Alt Lit, in dem alle Ex-Partner aufgelistet und beschrieben werden, mit denen die junge Autorin in ihrem Leben bislang Sex hatte.

Man findet mit Jordan Castros „Alle meine Ex-Dealer“ einen anderen Schlüsseltext der Alt Lit, in dem alle Drogendealer aufgelistet und beschrieben werden, mit denen der junge Autor in seinem Leben bislang Kontakt hatte.

Man findet mit Ann Cottens Übertragung von Beach Sloths „Hey Du“ ein weiteres wunderbares wie rätselhaftes New-Sincerity-Gedicht.

Ja, man findet eine ganze Menge hier.

Jonathan Schaake

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