Interviews

Gespräch mit Nora Gomringer

SH: In einem Ihrer Gedichte heißt es: „Fühlen Sie sich amüsiert? / Dann gehen Sie jetzt. / Gehen Sie schnell. / Hinaus, an die Luft. Atmen Sie ein paarmal tief und beruhigen Sie sich.“ Auf was hat sich der Besucher Ihrer Performance-Soirées einzustellen? Laut diesen Versen ja auf mehr als auf bloßes Amüsement.

NG: Na, doch hoffentlich immer! Ich habe diesen Text ein bisschen aus persönlichem Trotz heraus geschrieben, weil die Erwartungen an den Dichter oft weit über die Bühne hinaus reichen. – Aber Faktum ist: Wer auf eine Bühne geht, sollte das Publikum nicht langweilen.

Was leisten Gedichte in unserer medial durchsättigten Zeit? Für Liebesschwüre haben wir Popsongs, für Snapshots von Erlebtem Smartphones und für große Geschichten Romane. Was bleibt übrig für Lyrik?

Die Lyrik kann und bedient das alles. Sie ist älter und weiser als die neuesten Formen und Medien, kann aber gut in ihnen auftauchen und wird von findigen Leuten strategisch eingesetzt, so dass den Konsumenten oft gar nicht klar ist, dass sie längst Lyrik hören, lesen – davon umgeben sind. So ist die Lyrik auch oft einfach: aufwandslos, leicht.

Müssen Schriftsteller heutzutage vor allem anderen gute Performer sein? Sozusagen Werbeträger der eigenen Texte?

Fähigkeiten, die für die Bühne wichtig sind, sind immer hilfreich für’s Geschäft. Ob man Dichter oder Pfarrer ist. Wer gut predigen kann, gewinnt.

„Spoken-Word-Heldin“, „german poetry star“, „Botschafterin des Wortes“: Mit welcher Charakterisierung aus Feuilletons und Literaturhaus-Talks können Sie am meisten anfangen? Und mit welcher am wenigsten?

Wortbäckerin fand ich schräg. German Poetry Star war hilreich für die Presse und das Anlocken von Neugierigen in Hong Kong, wo sie das beim Goethe-Institut auf’s Plakat gesetzt haben. Mir gefällt: Nora Gomringer, Dichterin und Rezitatorin, Filmschaffende und Direktorin. Da ist alles Berufliche drin. Obwohl Dichterin schon reicht – weil ich alles andere nur gut kann, weil ich das bin, fühle ich. Dichterin.

Alleine im Juni sind Sie als Schriftstellerin auf insgesamt 15 Veranstaltungen, u. a. in Köln, Den Haag, Zürich, Wien und Luxemburg. Gibt es Augenblicke, in denen Sie bei diesem Stress der Literatur überdrüssig sind? Verbrächten Sie nicht gerne mal textfreie Tage?

Textfreie Tage habe ich in der Tat. Dann sehe ich nur Netflix, was dann aber wieder so anregen kann, dass Ideen niedergeschrieben werden müssen. Ich bin manchmal müde und habe ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber. Zu viel Sitzen in Zügen, anstatt mal wieder auszugehen wie ein Mensch…andere Menschen treffen, sich den Anschein von Normalität geben. Ich fühle mich oft fremd unter Leuten. Aber das Gefühl hatte ich schon als Jugendliche. Ich fülle meine Ämter und Aufgaben als Rollenspielerin aus. Rollen geben Kraft und Unabhängigkeit und erlauben, das Private zu schützen.

Bei einer solchen Agenda sitzen Sie naturgemäß viel in Zügen. Gibt es so etwas wie eine kreative ICE-Aura und Bordbistro-Inspiration?

Kreativsein-Können heißt für mich, nahe einer Steckdose zu sitzen. Schlimm sind Regionalbahnfahrten, weil es da keinen Strom für meinen Rechner, ein Fossil mit kaputtem Akku, gibt. Im Bistro findet man mich für Hühnerfrikasse, das ich in der Tat gerne esse. Leider ergeben sich nur selten Gespräche, aber ich beobachte gerne die Bahnmitarbeiter. Viele sind sehr fröhlich bei der Sache und tragen die ganzen mürrischen Gäste mit großer Leichtigkeit. Ich bewundere sie oft sehr.

Würde es Sie reizen, einen Romanwälzer zu schreiben? Ohne die Lust des Versumbruchs, des pointierten lyrischen Wortspiels oder der Performance-Kraft des Gedichts? Oder ist das Gedicht Ihnen die liebste Ausdrucksform?

Einen Wälzer könnte ich wohl nicht schreiben. Aber demnächst werde ich eine Geschichte zu Ende erzählen, die einen gewissen Umfang braucht. Gedichte sind und bleiben die beste, stärkste, produktivste Form des literarischen Ausdrucks für mich. Ein Abend mit Gedichten kann niemals so langweilen wie die Lesung eines langen Textes. Also mich. – Trotzdem versuch‘ ich da mal mein Glück.

[Foto: Lucien Hunziker]

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s