Interviews

Gespräch mit Leif Randt

SH: Vor einigen Wochen bist Du in Luxemburg zusammen mit dem französischen Philosophen und Intellektuellen Geoffroy de Lagasnerie aufgetreten. (Hier ein Video des Abends) Verstehst Du Dich als Intellektueller? In Deutschland und Frankreich stehen hinter diesem Label ja durchaus verschiedene Selbstverständnisse.

LR: Ich bin nur Schriftsteller. Ich schreibe gerne Sachen auf, bilde ab oder stelle mir Situationen vor. Ich argumentiere aber nicht gerne und mag keine Debatten. Die Aufgabenverteilung könnte so aussehen: Der Schriftsteller öffnet Räume, aus diffusen Emotionen heraus, der Intellektuell erklärt Räume und ist dabei möglichst valide.

Siehst Du Deine Fiktionen als politische Szenarien an? Anders gefragt: Stört es Dich, wenn Deine literarischen Entwürfe ständig und ausschließlich als Zeitkommentar gedeutet werden?

Wahrscheinlich machen die Texte vor allem Spaß, wenn man sie mit der Gegenwart vergleicht. Ich finde es aber anstrengend, wenn Leser ausschließlich das kritische Element darin suchen. Das tun meistens diejenigen, die keinen affektiven Zugang zu meinen Figuren und Beschreibungen haben. Die glauben dann, das muss eine Warnung sein.

Würdest Du gerne in einer Welt mit „Actual Sanity“ leben? (In Planet Magnon regelt dieser postdemokratische Managment-Algorithmus das gesellschaftliche Miteinander.)

Das ist stimmungsabhängig. Verglichen mit den Organisationsformen, die wir in der Gegenwart haben, würde ich aber meistens sagen, dass ich schon lieber in einem gut gewarteten AS-System leben würde.

Das wäre dann die demokratiemüde Absage an die jetzige, demokratisch legitimierte Struktur?

„Actual Sanity“ ist eine Mischung aus Planwirtschaft und direkter Demokratie. Man kann sie nicht abwählen, ihre Entscheidungen aber durch eigenes Verhalten beeinflussen. Das System würde sich auch selbst abschaffen, wenn es feststellte, dass die Leute darunter leiden.

Sind Deine erschriebenen Welten Wunsch- oder Angstzuständen geschuldet?

Bei Schimmernder Dunst über Coby County und Planet Magnon sind das eigentlich, zumindest in weiten Teilen, Welten, die ich mir emotional herbeisehne, rational aber nicht vollends gutheißen kann.

Inwiefern könnte die Coby-County-Story eine Binnenerzählung innerhalb des Planet-Magnon-Kosmos sein? Und inwiefern lässt sich das Flyboy-Filmscript, das in Deinem Erstling Leuchtspielhaus entwickelt wird, als sehr frühe Fassung des Planet-Magnon-Settings lesen? Also inwiefern haben sich die drei Romane gegenseitig bedingt bzw. hervorgebracht?

Als ich ursprünglich Planet Magnon geplant habe, habe ich gedacht: Das könnte diese Art von packender Genre-Literatur sein, von der ich mir vorstellte, dass sie die Erfolgsautoren in Coby County schreiben würden. Farbenfrohes Entertainment. Aber der Magnon-Text hat sich dann ganz anders entwickelt, viel weniger Genre, viel weniger Fun. Dennoch schließt Planet Magnon deutlich an Coby County an, die Grundfragen sind ähnlich, die Tonalität nur leicht verschoben in Richtung sphärischer Ernst. Deswegen sind die Bücher sich auch äußerlich so ähnlich. Und Leuchtspielhaus ist das kleine Vorbuch, aus dem die anderen beiden Bücher insgeheim hervorgehen. Das wäre dann die Trilogie.

Andererseits ist Leuchtspielhaus auch der Endpunkt meiner Kurzgeschichtenphase, der ersten Erzählungen, die ich veröffentlicht habe. Es nimmt ganz viele Ideen dieser kleinen Texte auf und bläht sie zu einer Art Collage aus allem Möglichen auf. Und Planet Magnon stellt in dem Sinne wiederum einen Endpunkt dar. Leuchtspielhaus spielt ja noch im London der 00er Jahre, biographisch geprägt, mit fiktiven Übersteigerungen, Coby County spielt dann in einem fiktiven Raum, aber noch hier auf der Erde, und Planet Magnon spielt dann gar nicht mehr auf der Erde. Diese Form der Weltverschiebung noch mal fortzuführen, eins weiter zu drehen – das habe ich nicht vor.

Wird es Dir nicht schwer fallen, Dich von diesem Stil, der ja auch eine eigene Form des Sehens und des Erkennens ist, zu entfernen?

Das letzte, was ich gemacht habe, war ein Hörspieltext, der in Deutschland spielt, er heißt Turbo Germany, und es geht um eine fiktive Onlinebewegung, die Deutschland neu ästhetisiert. Stilistisch ist das schon anders, weil es im Text viel Alltagssprache gibt, mit ausgedachten O-Tönen, die so wirken, als seien sie auf der Straße eingesammelt. Aber inhaltlich passt es wiederum zu dem Kollektivprinzip in Planet Magnon. Letztlich wird es immer Verknüpfungen geben. Selbst wenn ich jetzt den maximalen Bruch probieren würde, beispielsweise einen realistischen Roman, der in den 80er Jahren angesiedelt ist, einen historischen Text vielleicht, auch dann würde es auf der Ebene der Wahrnehmung und des Stils viele Parallelen geben, die mich als Autor verraten. Diese Form der Kontinuität stellt sich eher zwangsläufig ein, selbst wenn ich versuchen würde, sie zu vermeiden.

Das Label „der nächste Christian Kracht“ kommt in Ankündigungen und Artikeln zu Dir recht oft vor. Sehr grobschlächtig gedacht gibt es in den Werken Parallelen: Faserland und Schimmernder Dunst über Coby County als Generationsromane, Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten und Planet Magnon als Sci-Fi-Projekte. Jetzt also Imperium reloaded?

Ich hoffe, dass Christian Kracht selbst noch viele Bücher schreibt. Seine Texte machen mir immer gute Laune. Aber eher als Imperium würde ich Der gelbe Bleistift reloaden. Reisetexte sammle ich seit einer Weile. Generell denke ich aber momentan kaum an neue Bücher. Schreibe gerade einen Theater-SpinOff zu Planet Magnon, der im September in Düsseldorf läuft, und arbeite an PDFs und Snaps für Tegel Media, ein Label, das im Laufe des Sommers starten soll.

War es für dich wichtig bzw. nötig, den „Hildesheimer Raum“ nach dem Studium hinter Dir zu lassen, um zu einer unabhängigen, eigenen Erzählstimme zu gelangen?

Leuchtspielhaus habe ich in London angefangen und noch als Student in Hildesheim fertig geschrieben. Ab 2009 war ich dann nicht mehr an der Uni und habe dann eigentlich einen Schritt hin zum Gefälligeren gemacht, sozusagen die Ambitionen stark runtergeschraubt. Aus Kurzgeschichten heraus ist damals der Ton für Schimmernder Dunst über CobyCounty entstanden. Das war eine gute Phase, 2009, 2010, da wusste ich: Das schreibe ich jetzt mal so runter, ohne mir zu viel Mühe zu geben bzw. Gedanken zu machen.

Zurzeit sind Poetik-Dozenturen ja sehr beliebt. Wurdest Du schon angefragt? Bei welcher würdest Du zusagen?

Tatsächlich wurde ich noch zu keiner angefragt. Ich glaube, ich wäre auch zu jung gewesen und hätte es eher nicht gemacht. Demnächst würde es mich vielleicht eher interessieren, aber ich will davor schon noch etwas mehr gemacht haben als nur so ein paar dünne Romane.

Florian Kessler hat Dich 2014 in einer ZEIT-Polemik als „Managersohn“ beschimpft bzw. geadelt, Biller hat der deutschen Gegenwartsliteratur unterstellt, sie sei migrantenlos und langweilig, und in der WELT hat sich letztens Michael Wolf darüber aufgeregt, junge Autoren seien nur noch auf Fitness getrimmt und tränken statt Bier Smoothies. Die Botschaft ist dieselbe: Ihr und eure Autoren-Images seid nicht kaputt genug. Wie geht man – als Ziel dieser Polemiken – damit um?

Die Images umarme ich eigentlich. Managersohn aus Hessen, keine Geldsorgen, Schreibschule, Retorte, dicke Stipendien, etwas arrogant … Ich bin das alles relativ gerne. Aber unter Polemiken wie den erwähnten leide ich generell. Das ist einfach keine schöne Art der Kommunikation. Zu viel negative Energie. Und darauf folgen dann bloß Gegenartikel, die noch aggressiver und hohler werden. Ich mag mich selbst auch nicht beim Lesen solcher Texte. Weil ich den Texten gegenüber kleinlich und verbissen werde. Ich fange dann an, mich über Ungenauigkeiten zu ärgern, oder über Begriffe, die viel zu aufgeladen sind, als dass man in Zeitungstexten damit überhaupt umgehen sollte. Deshalb bin ich gegen Debatten und für neue Wörter.

In einem Essay in bella triste führst Du die Kategorie der postpragmatischen Sätze ein, Sätze also, die „nichts beschönigen, die Dinge umarmen, als das, was sie sind, glorifizieren, ohne zu lügen, trauern, ohne zu weinen.“ Als abschließendes Mini-Experiment würde ich Dir gerne drei ausgewählte Sätze aus drei Gegenwartsbüchern vorlesen und um Dein Urteil bitten, ob Sie der Postpragmatik entsprechen.

Satz 1: „Ich ging in das U-Bahn-Netzwerk hinunter, wo es immer auf eine herzliche Weise nach Schimmel riecht.“

Satz 2: „Sie fuhren an einem Ortsschild vorbei, in den Kreisverkehr, im Kreisverkehr zweimal die ganze Runde, entschieden sich für eine Ausfahrt, die in ein Industriegebiet zu führen schien, bogen ab auf eine Straße, deren Namen irgendwie vertraut klang, und mussten nach dem Abbiegen scharf bremsen, an einer roten Ampel.“

Satz 3: „Während Florian im Stehen die einzelnen Paragraphen ihrer selbstverfassten Vereinssatzung verlas, saß Ole ihm gegenüber auf einem frisch verschnürten Strohballen, in der Hand eine Dose Vitamalz.“

Das ist interessant zu hören, macht Spaß. Aber wenn überhaupt, ist der letzte Satz postpragmatisch, die andern beiden auf keinen Fall. Lies nochmal den 3. Satz bitte.

„Während Florian im Stehen die einzelnen Paragraphen ihrer selbstverfassten Vereinssatzung verlas, saß Ole ihm gegenüber auf einem frisch verschnürten Strohballen, in der Hand eine Dose Vitamalz.“

Ja, obwohl, der dritte ist eigentlich auch noch zu blumig bzw. zu subtext-geladen. Allein schon, dass der Ole heißt, er auf dem frisch geschnürten Ballen sitzt, und dann noch das Vitamalz. Das ist ganz schön viel auf einmal. Also mir gefällt der Text gar nicht schlecht, aber als postpragmatisch würde ich ihn nicht beschreiben, allein schon wegen des Rückblickcharakters, dann ist der Satz recht lang, er gestaltet den gesamten Raum aus, vielleicht ist er zu ambitioniert, ja, zu eitel, um postpragmatisch zu sein. Und der erste?

„Ich ging in das U-Bahn-Netzwerk hinunter, wo es immer auf eine herzliche Weise nach Schimmel riecht.“

Das ist Clemens Meyer, oder? Kann das sein?

Das ist Ann Cotten, aus Der schaudernde Fächer.

Okay, ja, das ist auf gar keinen Fall postpragmatisch. Das mit dem Schimmel ist viel zu schräg, also vielleicht fehlt mir auch das erinnerte Wissen, aber bei Schimmel habe ich gar keinen richtigen Geruch in der Nase, und dann auch noch herzlicher Schimmel, nee, das ist insgesamt was ganz anderes. Und der zweite nochmal?

„Sie fuhren an einem Ortsschild vorbei, in den Kreisverkehr, im Kreisverkehr zweimal die ganze Runde, entschieden sich für eine Ausfahrt, die in ein Industriegebiet zu führen schien, bogen ab auf eine Straße, deren Namen irgendwie vertraut klang, und mussten nach dem Abbiegen scharf bremsen, an einer roten Ampel.“

Der ist auch ganz schön, aber nicht postpragmatisch.

Was ist also postpragmatisch? Wenig Commitment zeigen, die Dinge einfach benennen, ohne eine Haltung ihnen gegenüber einzunehmen?

Ich würde auf jeden Fall sagen: nicht blumig erzählen. Eine Betrachtung mit offenem Ergebnis. Vielleicht auch einfach interesseloses Wohlgefallen als Text … Also das, was Du eben vorgelesen hast, hat auch eine gewisse Trockenheit, indem diese Sache mit dem Kreisverkehr so aufgelistet wird, also das ist ein gut erzählter Satz, für einen Satz hat man schon sehr viel miterlebt, aber er ist vielleicht noch zu voll mit Formulierungen, die sich als Sinnbilder aufladen lassen.

Also passt keiner der dreien so richtig rein?

Ich bin eigentlich erstaunt, dass ich merke, warum die Sätze nicht reinpassen, in diese Ästhetik, die ich versucht habe, tastend zu definieren in meinem Essay. Also am ehesten noch der dritte Satz – gefallen haben mir zwei von drei Sätzen, nur der erste weniger.

[Der zweite Satz ist Roman Ehrlichs Urwaldgäste, der dritte Janko Markleins Florian Berg ist sterblich entnommen.]

Leif Randt ist bis zum 19. Juli 2016 mit einem Stipendium in Japan. Er veröffentlicht dort Stories auf Snapchat: lr_tegelmedia.

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2 Kommentare zu „Gespräch mit Leif Randt

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