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Wolfgang Herrndorf als Erzähler von Geschichten

Diese Rede wurde gehalten am 29. August 2015 im LCB Berlin zur öffentlichen Gründungsfeier der Wolfgang Herrndorf-Gesellschaft und wird hier in leicht gekürzter Form wiedergegeben.

Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter

In diesen Tagen vor zwei Jahren hat sich Wolfgang Herrndorf am Wannsee das Leben genommen. Seinen Weg dorthin, den langen Gang zum Tod, hat er im Blog Arbeit und Struktur festgehalten. Erst seitdem konnte die Popularität Herrndorfs zur Großartigkeit seiner Werke aufschließen. Was machte seine doch sehr unterschiedlichen Romane und Erzählungen auf einmal so interessant, dass alle eine Geschichte zweier jugendlicher Autodiebe genauso lesen wollten wie einen typischen Berlin-Roman um die Jahrtausendwende, Erzählungen von Kunstbetrieben und Verrückten sowie einen verquasten Agententhriller? Auf einmal lasen sie alle Wolfgang Herrndorf, und wer ihn nicht las, kannte ihn zumindest – oder wenigstens den Tumor in seinem Kopf. Natürlich, man könnte nun sagen, er kann eben erzählen, seine Bücher sind gut und der Erfolg nur mehr als verdient und damit verständlich. Dem ist nicht zu widersprechen. Nur warum ließ der Erfolg seit seinem Debut In Plüschgewittern im Jahr 2002 zehn Jahre bis Tschick auf sich warten?

»Der Tod ist die Sanktion von allem, was der Erzähler berichten kann. Vom Tode hat er seine Autorität geliehen«, so schreibt 1936 Walter Benjamin in seinem Aufsatz über den Erzähler. Diese Autorität, die das Sterben dem Erzähler gegenüber den Lebenden gibt, ist der Ursprung allen Erzählens. Jedoch geht sie verloren, wo nicht mehr zu Hause gestorben wird, wo der Tod in die Krankenhäuser und Sanatorien gesperrt wird. Ebenso ist der Erzähler an ein Ende gekommen, wo die Menschen nichts mehr zu erzählen haben, und Benjamins Erklärung dafür klingt in unseren Ohren nicht sonderlich veraltet, denn, so schreibt er, »beinahe nichts mehr, was geschieht, kommt der Erzählung, beinah alles der Information zugute.« Doch damit nicht genug. Sogar der moderne Romancier versucht, dem alten Erzähler den Rang abzulaufen. Denn wo der Erzähler aus seiner Erfahrung schöpfe – überliefert von fernen Ländern oder aus fernen Zeiten –, sei der Romancier in seiner Abgeschiedenheit nicht mehr in der Lage, sich exemplarisch für sich selbst auszusprechen. »Mitten in der Fülle des Lebens und durch die Darstellung dieser Fülle bekundet der Roman die tiefe Ratlosigkeit des Lebenden.« Zu Benjamins Zeiten kamen die Menschen ohne erzählbare Erfahrungen aus dem Feld, heute verschanzen sich die Menschen hinter ihren Medien und Ideen und stellen sich selbst mehr Fragen anstatt sich diese von gemachten Erfahrungen vorgeben zu lassen. Die Information hat die Erfahrung ersetzt, der Roman die Erzählung. Mittlerweile hat die Postmoderne sogar die Moderne und im gleichen Aufwasch den Autor zu Grabe getragen. Viel scheint nicht übrig zu sein.

Walter Benjamin mag nicht unrecht haben, jedoch widerspricht Wolfgang Herrndorf ihm in allen Punkten. Das Sterben wurde individualisiert und der Öffentlichkeit entzogen. Jeder stirbt nur noch für sich, setzt für den Fall der Fälle eine Patientenverfügung auf, unter Umständen unter Mithilfe seiner engsten Angehörigen, aber das war es dann auch. Nicht anders tut es Herrndorf. Er tut aber noch etwas mehr, er berichtet davon, nein, er erzählt, er sucht, nachdem der Blog zuerst nur für seine Freunde gedacht war, die Öffentlichkeit. Und liest man heute seine Eintragungen chronologisch, so hat man das Gefühl, einen Sterbenden zu begleiten, jemanden, den man kennt, den man mag. Der Tod ist gewiss und damit auch jedem Eintrag eingeschrieben. Das verleiht dem Geschriebenen seine Autorität, die sich auf alles, wovon darin berichtet wird, überträgt, vor allem auch auf die in dieser Zeit entstandenen Bücher. Man wird den Gedanken nicht los, was die Lektüre so intensiv bedrückend macht, dass hier jemand vom Tode her schreibt. Am 13. März lautet es: »Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem.«

Für Benjamin ist der Geschichtenerzähler nur ein säkularer Chronist, im Gegensatz zum Historiker. Dieser ist »gehalten, die Vorfälle, mit denen er es zu tun hat, auf die eine oder andere Art zu erklären; er kann sich unter keinen Umständen damit begnügen, sie als Musterstücke des Weltlaufs herzuzeigen. Genau das aber tut der Chronist.« So auch Herrndorf, der kaum etwas auserzählt, dem die Daten und Fakten, welche die Eintragungen umkreisen, bloß zur Verankerung in der Wirklichkeit dienen. In Wahrheit geht es um mehr und geht er vor, wie Benjamins Beispiel des ersten Chronisten: »Herodot erklärt nichts. Sein Bericht ist der trockenste. Darum ist diese Geschichte aus dem alten Ägypten nach Jahrtausenden noch imstande, Staunen und Nachdenken zu erregen.« Eben weil keine Information geliefert wird, die ihren Wert im verflogenen Augenblick verliert, sondern eine Erfahrung in jenem Teil der Erzählung mitgeteilt, weitergereicht wird, die weggelassen wurde. Was sprechen Zeilen wie die vom 29. Juli doch Bände: »An der Tür wird geklopft, ein warmes Brot liegt vor der Tür. Hallo?, ruft der vierte Stock. Hallo, ruft das Treppenhaus zurück.« Eine Szene, keine Fakten außer einem Brot und eines Rufenden, und doch so viel Wärme, Zuneigung, Dankbarkeit und Liebe. Oder ähnlich knapp, aber aussagekräftig, weil vom Betrachter ausgehend und von dessen Tod Autorität verliehen, am 9. August 2011 um 16.32 Uhr, »Schwerer Regen in den Kiefern. Keine Wellen.« Die kurzen Eintragungen zum See und Wetter aus den vorangegangen Monaten reichen zur Einordnung aus. Ein Gegenbeispiel von jemandem, verglichen mit dem sich Wolfgang Herrndorf wie eine Kochrezepte archivierende schwäbische Hausfrau fühlte, Rainald Goetz. Aus seinem Blog Abfall für alle, das in der Terminologie Benjamins keine Chronik, sondern eine Historie der Gegenwart heißen müsste; am Montag, den 16. Februar 1998 beschreibt er im gleichen Berlin ein ähnliches Szenario, aber, wie es sich für Rainald Goetz gehört, von der Weltseite her, von der Beschreibung und deren endlicher Wirkung in der Erfassung des Beschreibers: »Schwerer, dicker, sommerregen-artiger Regen mit tiefdunkler Gewitterverdüsterung des nachmittäglichen Lichts, während fast gleichzeitig, während das Geplatsche des niederplatschenden Wassers schon wieder nachläßt, vom Horizont her in allen einschlägigen Pastellfarben die Sonne ihr riesiges Antiding da aufzieht, giftgelb, optimistisch, überheroisch – geil.« Herrndorf vermittelt eine Erfahrung, die man als Leser nachvollzieht, Goetz beschreibt einen Moment in der Zeit.

Wolfgang Herrndorf erfüllt das Bild des von Benjamin beschriebenen Chronisten, der ein Vorläufer des späteren Erzählers ist, der nach Benjamin aber aus einer weiteren Tradition stammt. »Das mündlich Tradierbare, das Gut der Epik, ist von anderer Beschaffenheit als das, was den Bestand des Romans ausmacht. Es hebt den Roman gegen alle übrigen Formen der Prosa – Märchen, Sage, Sprichwort, Schwank – ab, daß er aus mündlicher Tradition weder kommt noch in sie eingeht.« In dieser Tradition stehen die beiden kurzen Romane, oder besser gesagt, Erzählungen, In Plüschgewittern und Tschick. Darin folgt Wolfgang Herrndorf der in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandenen Popliteratur, bringt diese in ähnlicher Weise wie bereits beschrieben zu einer Höhe und setzt damit die von Benjamin bestrittene Erzähltradition fort. Das erzählerische Potential liegt besonders im Ich-Erzähler. Der orientiert sich, mal mehr, mal weniger, an der gesprochenen (Umgangs)sprache und nimmt sich aus ihr einiges heraus. Der Leser hört dem Erzähler tatsächlich zu, spürt den Rhythmus der Sprache. Es wird nicht berichtet, zumindest nicht objektiv, der Erzähler berichtet seine Geschichte, also erzählt, da er vergisst, weglässt, zurückdenkt. Drei Anfänge: »Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke.« Faserland; »Gleich stehen sie vor meinem Bett. Gonkwrömm. Das klingt nach Kieferchirurg, schwerer Eingriff, Kasse zahlt kaum was zu.« Soloalbum; »Ich stehe auf der Autobahnraststätte Würzburg-Haidt, in der Nähe der Ausfahrt, an einen blauen Mietlaster gelehnt. Es ist früher Nachmittag. Neben mir steht Erika, ihre Schultern pendeln vor und zurück, sie schluchzt.« In Plüschgewittern.

Der russische Formalist Jurij Tynjanov beschrieb diese besonders in der russischen Erzähltradition wichtige Technik folgendermaßen: »Der Skas macht das Wort sinnlich wahrnehmbar – die ganze Erzählung wird zu einem an jeden Leser gerichteten Monolog –, und der Leser tritt ein in die Erzählung, beginnt zu intonieren, zu gestikulieren und zu lächeln, er liest die Erzählung nicht, sondern er spielt sie. Der Skas führt anstelle des Helden den Leser in die Prosa ein.« Damit kehrt auch Wolfgang Herrndorf als klassischer Erzähler zurück. Zum zeitlosen Chronisten seiner Zeit wird er allerdings erneut durch die geschickte Ausdünnung der Beschreibung, die nicht mehr alleine auf dem Leser bereits bekannten und dadurch gemeinsame Identität stiftenden Markennamen beruht, sondern auf der Beschreibung einer Szenerie. Wo sich Stuckrad-Barres Erzähler mit seiner nervigen Wertung in den Vordergrund drängt, lehnt sich Herrndorfs zurück und sucht nach den richtigen Worten, nicht den meisten. Stuckrad-Barre: »Ich schätze mal, über ihrem Bett hängt in DIN-A0 der sterbende Soldat, auf dem Boden steht eine Lavalampe. Sie hört gerne Reggae. Scheiß Pearl Jam findet sie ›superintensiv‹, auf ihre CDs von Tori Amos und PJ Harvey hat sie mit Edding geschrieben ›♀-Power rules‹, selbst einem Comeback von Ina Deter stünde sie aufgeschlossen gegenüber.« Dagegen Wolfgang Herrndorfs Beschreibung einer ähnlichen Figur: Er überschüttet sie nicht mit dem gesamten Schwall an anfallenden Assoziationen, sondern wählt daraus aus, um unter die Oberfläche ihres selbstauferlegten Identifikationspanzers zu gelangen. »Die Anführerin trägt selbst gefärbte Kleidung und allerlei Verfilztes. Auf dem Kopf einen riesengroßen Bob-Marley-Gedenkhut aus rosa und grünem Stoff, der sie noch mondgesichthafter ausschauen lässt. Geradezu archetypisch, wenn ich das Wort mal verwenden darf. Auf jeder Studienfahrt der Uni Koblenz gibt es diese Mädchen. Die funktionieren alle nach der gleichen Devise: Ich bin zwar nicht schön, und ich bin auch nicht intelligent, und mein Gesicht ist auch ein bisschen zu fett, aber dafür habe ich einen lustigen Schlapphut auf dem Kopf. Ich weiß nicht – ich hoffe, es ist klar, was ich damit sagen will. Frauen, die im R4 herumfahren und in Reggae-Discos gehen, um Asylbewerber flachzulegen.« Ebenso hoffe ich nun, dass klar geworden ist, was ich damit sagen will. Zum einen dieser Gestus, mit dem ich hier nun etwas erhöht, im, von ihnen aus gesehen, rechten goldenen Schnitt der Bühne auf sie, den schweigenden Zuhörerkreis, zuspreche und erzähle. Diese Situation des Erzählers entsteht beim Lesen der Bücher von Wolfgang Herrndorf. Wo andere den Menschen in einer Waren- und Popwelt zeigen wollten, den neuen Hedonismus, Egoismus und was sonst noch muss, nutzte Wolfgang Herrndorf diese Welt, um allein den Menschen zu zeigen. Sei es der Verlassene, der Trauernde, Feiernde, der sehnsuchtsvoll Heranwachsende, Liebende, Verrückte, Aufgesetzte, Suchende.

Ganz am Ende seiner Arbeitskraft widerlegt Wolfgang Herrndorf Benjamin noch mal eben in einem weiteren Punkt. Sogar einen umfassenden Roman fügte er noch seinem Werk hinzu, als Gegenpol, als Ausweis des Möglichen und scheinbar bloß, um uns zu zeigen, dass er auch noch den modernen Roman Benjaminscher Idee beherrscht: Eine Person in einer Welt, die er nicht versteht. Die Kapitel, das Personal, der Plot, totale Verwirrung, man blickt kaum durch. »Die Geburtskammer des Romans ist das Individuum in seiner Einsamkeit, das sich über seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann«, heißt es bei Benjamin. Dort gibt es keine Erfahrung zum Weiterreichen, vielmehr ist es ein individuelles Erlebnis, das zum Ausdruck gebracht wird. Es geht um Orientierungslosigkeit auf dem Weg zu einem Ziel, von dem man noch nicht einmal weiß, ob es existiert und was man macht, wenn man es erreicht – wenn man es denn erreicht. Und doch bleibt es der einzige Antrieb, der einen unsicher in die Wüste treibt. Das ist keine Erfahrung einer Generation, das ist Wolfgang Herrndorf. »Er spürte seine Kopfwunde aufbrechen«, heißt es in Sand, »die Schmerzen waren phänomenal. Von oben fiel Sand über sein Gesicht und rieselte ihm in die Ohren.« Weder die Erzählung ist tot, noch der Erzähler, noch hat der Roman etwas damit zu tun. Alles ist möglich. Herrndorf hat gezeigt, wie vielseitig man heute noch erzählen kann. Ganz ohne postmodernen doppelten Boden unter avantgardistischer Hochseilakrobatik.

Wolfang Herrndorf ist ein Erzähler von Geschichten, die in unserer Gegenwart spielen, deren Erfahrungen aber schon seit langem weitergereicht werden. Das war er schon immer, aber erst, als der Tod ihm seine zynische Autorität verlieh, zeitigten seine Werke Wirkung. Auch, wo er die Pfade des Erzählers verließ und sich Romancier nannte. Nie entstand eine Konkurrenz zwischen den Texten, weil sie unter der umgreifenden Autorität des Todes stehen. Diese hat sich Wolfgang Herrndorf aber nicht geliehen, sie ist all seinen Texten eingeschrieben und nicht erst hinterher imprägniert worden, wie man seinen Erfolg zynisch begründen könnte.

In Arbeit und Struktur heißt es einmal, die Verbindung zwischen dem Tod und der eigenen Erzählung betreffend: »Der Jugendroman, den ich vor sechs Jahren auf Halde schrieb und an dem ich jetzt arbeite, ist voll mit Gedanken über den Tod. Der jugendliche Erzähler denkt andauernd darüber nach, ob es einen Unterschied macht, ›ob man in 60 Jahren stirbt oder in 60 Sekunden‹, usw.« Da wird die auf Tschick übertragene Autorität des Todes greifbar, wo sie es sonst nicht ist. Denn es ist doch so, wenn man auf Autorität pochen muss, scheint man keine zu haben. Herrndorf war der Tod gewiss nie egal, in den Plüschgewittern heißt es »Ich habe eine sensationelle Angst vor dem Tod«, aber er war immer zu klug, über den Tod schreiben zu wollen. Vielmehr blickte er vom Tod her zurück auf das Leben: »Weil, man kann zwar nicht ewig die Luft anhalten. Aber doch ziemlich lange.«

Leonard Adams

Beitragsfoto: Literaturhaus Berlin

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