Kritiken

Die Verfehlungen der Angst. Über Juan S. Guses Romanerstling „Lärm und Wälder“

„›Noch die privateste Katastrophengeschichte‹, denke ich später, während ich zum Rasten allein in der Ecke lehne und das inzwischen soundsovielte Bier trinke, ›erfährt hier ihre Wandlung, durch Lärm und Rausch, in ein Allgemeines der Kaputtheit, das von allen ausgeschlossen wird, aus der Feier der Kaputtheit hier.‹“

Das ist kein Zitat aus Juan S. Guses kürzlich erschienenem Erstling „Lärm und Wälder“, sondern aus Rainald Goetz’ Erzählung „Rave“ von 1998 (S. 70f.). Deren Stichworte aber überlagern sich mit Guses Roman: Dort ist von „Lärm und Rausch“ die Rede, hier von „Lärm und Wälder[n]“; dort wird vom „Allgemeine[n] der Kaputtheit“ berichtet, hier „erzählen [sie] vom Verfall der Großstädte“ (S. 153); dort geht es um „Katastrophengeschichte[n]“, hier u. a. um Schlangen, die sich selbst verschlingen sowie um paranoide Familienväter und ihre Träume von hermetischen Bunkern. Das erklärte Ziel beider Bücher ist ein ähnliches, nämlich den Zustand vor dem antizipierten Untergang als Hallraum für den Menschen der Gegenwart zu literarisieren, in diesen Raum hineinzuhorchen und aus ihm heraus zu schreiben. Was Goetz in „Rave“ ge-, das misslingt Guse in „Lärm und Wälder“.

Kurz und knapp: Es geht um die in einem südamerikanischen Land gelegene gated community „Nordelta“, in der die Eltern Hector und Pelusa mit ihren Kindern leben. Der Vater gibt sich in lustvoller Paranoia Gedanken à la „I am legend“ hin und würde am liebsten wie Will Smith mit Gewehr und Schutzanzug durch tote Städte rennen, die Mutter sucht ihrerseits Ablenkung in einer religiösen Gemeinde, die sich einer windigen Predigerin anheimelt, und einer der Söhne, der verkrüppelte Henny, wird als verschrobener Gewalttäter mit Erlöserphantasien skizziert. In den Großstädten rundherum rumort es, von Aufständen und Plünderungen ist die Rede, davon, dass die Sicherheit von „Nordelta“ auf dem Spiel stünde. Bestes Personal und Setting also, um eine literarische Simulation zu starten.

Gleich auf Seite 14 stirbt dann der „einzigartige Labrador“ der Familie, dieser „so gute[] und liebe[] Hund, derart treu“, siecht mit herausgeschissenem Darm auf den Terrassenfliesen vor sich hin, damit eines unmissverständlich klar ist: Hier, lieber bzw. blöder Leser, wird tatsächlich alles vor die Hunde gehen. Nun ist bei Guse noch nicht alles kaputt, aber bald schon, alarmiert uns jede der 317 Seiten, bald schon wird es soweit sein. Dann wird die Kaputtheit Einzug halten in die adretten gated communities, bis zu dem Tag, an dem „die angst gewaltsam / Auf meinem geneigten schädel ihr banner pflanzt.“ So endet eines von Baudelaires Spleen-Gedichten, und tatsächlich sind die Textlogiken in beiden Fällen ähnliche: Erst das Kümmernis über die Gefährdung bzw. Unmöglichkeit von Zukunft setzt die Produktionsenergien frei, die den jeweiligen Text hervorbringen.

Der Spleen und die Schrulle von Guses Roman, das ist das Wörtchen „noch“: Noch sind wir sicher, noch können wir spazieren und einkaufen gehen, noch können wir Romane lesen, Schweinefleisch grillen und Klimaanlagen bedienen. Bald aber werden wir umherstreunen und plündern, morden, fressen und unter einer brühenden Sonne verrecken. Das wird freilich nicht ausbuchstabiert, sondern als klaffende Lücke dem Leser und seiner latent panischen Jetzt-Stimmung überantwortet. Das ist ein Trick, der so einfach wie billig ist. Dafür muss man nicht schreiben können, sondern nur wissen, wo der Leser des Jahres 2015 seinen panic button hat.

Es ist überdies ein Trick, der nötig ist, um den Leser zu bannen. Denn die Sprache dieses Romans ist oft dermaßen ungenau, dass nur jene vor visionärer Angst zittrigen Leser sich nicht an ihr stören. Beispiele:

„Auch die Häuser und Autos, alle Spuren menschlicher Zivilisation verschwinden und man fährt zwischen brachen und von altem Mauerwerk umzäunten Feldern.“ (S. 130) (Jegliche zivilisatorische Reste hat man hinter sich gelassen, und dann fährt man an „altem Mauerwerk“ vorbei.)

„Um das Terrarium der Großen Anakonda hat sich eine Menschentraube gebildet, die Fotos macht.“ (S. 173). (Eine fotografierende Traube?)

Und hier noch ein schnell zusammengestellter Mix aus floskelhaftem Jargon und sprachlichen Defiziten: Mal sind die Leute „sichtlich berührt“ (S. 122), Geschenke werden „prompt“ (S. 86) verteilt, ein Spielball ist „hart umkämpft“ (S. 84), Hände „riechen intensiv“ nach irgendwas (S. 70), Kinder werden am Beginn des Satzes mit „mongolische[n] Reiter[n]“ verglichen, um eine Zeile später „wie Ameisen“ zu sein, die „ein feuchtes Bonbon“ überfallen (S. 167), Enten flattern „wie vom Teufel besessen“ umher (S. 212), der pubertäre Henny stellt Meta-Gedanken über „einen der schönsten Momente seiner Kindheit“ an (S. 212), irgendwann hört Pelusa Hectors Atem „im Nacken“ (S. 219), obwohl sie ihn dort spüren müsste, ein Volleyball wird zurückgeschossen, „so wie man eine Mücke vor dem Gesicht mit der Hand verscheucht“ (S. 277), und ein Schnarchender „sägt ganze Wälder ab“ (S. 274).

Das alles ist umso verwunderlicher, als Guse Mitherausgeber der bella triste war, in Hildesheim studiert, ein Praktikum im Lektorat von Suhrkamp abgelegt und mit einem Auszug aus „Lärm und Wälder“ 2012 den open mike gewonnen hat. Mehr Kaderschmiede geht kaum. Und dann diese Schludersprache?

Ähnlich misslungen wie die Sprachpräzision ist auch die Figurenzeichnung. Der hedonistischen Angst der Protagonisten vor der Endzeit hat der Erzähler nichts entgegenzusetzen; ihrem Alarmismus hält er keine souveräne, bestenfalls gewinnbringend andersartige Haltung entgegen. Für seine Figuren wie auch für ihn gilt: Ihre jeweilige narrative Existenz rechtfertigt sich erst dadurch, dass sie ständig auf das Zukommende gefasst sind, darüber nachdenken, darüber schreiben. Es gibt in „Nordelta“ kein Denken außerhalb des Ausnahmezustands, und selbst der Erzähler gewinnt keine analytische Souveränität über seinen Beschreibungsgegenstand.

Ein Blick in die Literaturkritik offenbart weiteres Elend. In der Welt stolpert Rezensent Peter Praschl als übereifriger Hesse-Debütant in seine eigene Kritik:

„Seltsam, Juan S. Guses Roman „Lärm und Wälder“ zu lesen, während immer mehr Flüchtlinge ins Leben einer Gesellschaft geworfen werden, die darauf nicht vorbereitet war und ihre Unsicherheit auch durch Abwehr zu bannen versucht.“[1]

Zack, gleich mal eine Knallerbse vor die Visage geschmissen, damit auch jeder weiß, um was es hier geht: um die Flüchtlinge natürlich, um deren Flucht und Elend und um unseren Wohlstand. Verflucht nochmal, die gated communities, das ist Europa! Es gibt keinen Gegenstand mehr, der nicht politisierbar wäre. Ansätze, die nicht das neue F-Wort nutzen, sind irrelevant. Wie so oft, hat die große (und dabei lustige!) Apokalyptikerin, Frau Sibylle, Recht:

„Die Welt, die mich umgibt, scheint gerade in ein schwarzes und ein weißes Lager geteilt zu sein. Das verbindende Glied ist die politische Korrektheit, die ängstlich eingehalten oder bewusst übertreten wird. Keine Zeit für Zwischentöne, keine Zeit, um andere Probleme zu sehen, keine Zeit, um einen anderen Gedanken zuzulassen als den, wie man den angenommenen Gegner niederargumentiert.“[2]

Dementsprechend ist „Lärm und Wälder“, schenkt man Praschls Artikel Glauben, auch kein Roman, sondern ein kulturkritisches Dokument, keine Literatur, sondern Mentalitätsrealie des Westlers. Nirgendwo, in keinem der knapp 1200 Wörter von Praschls Artikel, wird über Guses (recht biedere) Erzähltechnik und den Perspektivwechsel zwischen Er- und Ich-Passagen gesprochen; nirgendwo die Architektur der Kapitel und die dazwischengeschobene, analeptisch organisierte Erzählung hervorgehoben, die Pelusas Vorleben skizziert. Die Fiktion von „Nordelta“ ist für Praschl nichts als die diffus ins Zukünftige verlegte Wahrheit, der wir entgegenstraucheln. Peinlich und pathetisch dann auch das Ende seiner Literaturkritik: „Gnade uns Gott oder wer immer im Universum für Gnade zuständig ist.“

Praschl käut dann auch einfach jene Reizwörter wieder, die auch Guse wiederholt und variiert, als läge hierin der Kniff von Schreiben überhaupt: die eigene Botschaft nämlich so oft zu modulieren, bis sie sich in unser Hirn hineingewunden hat. Als Beispiel die alarmistischen Vokabeln auf den Seiten 18 und 19 von Guses Roman: „Verweigerung der Angst“, „stürzt mit dem Flugzeug ab“, „als Überlebender“, „scheinbar menschenleeren Welt“, „in ihr zu überleben“, „Unterschlupf“, „Fallen aufgestellt“, „weitere Überlebende des Absturzes“, „sofort angreifen“, „der Tod“, „primitiven Holzspeer“, „Es regnete nicht, als Noah die Arche baute!!“, „Bug-Out-Haus“, „Sprengkopf“, „Alarm“, „Lärm der Sirenen“, „Würgegriff“, „Vielleicht kommt er doch schneller als erwartet, der große Aufstand“, „die Eskalation der Gewalt“, „Durchsage der Behörden“, „die Kapitulation der Polizeikräfte“, „Würde er überleben, wenn er das Gebäude jetzt unbewaffnet verließe?“. Wer jetzt, nach diesen zwei Seiten, keinen Plan hat, was vor sich geht, der wird es auch auf den nachfolgenden 300 Seiten nicht kapieren. Derjenige aber, der jetzt Bescheid weiß, wird auf den restlichen 94% des Buches nichts Überraschendes oder Kühnes finden.

Geht es anders? Ja. Besser? Auch. Dann nämlich, wenn Autoren nicht ausschließlich in katastrophischen Kategorien (vor, mitten in bzw. nach der Krise) denken, sondern genuin literarische Weltentwürfe vorlegen, die keine Zeitstimmungen ausschlachten. Die den unterkomplexen Sichtweisen qua Fiktion souverän gestaltete Szenarien entgegenhalten, Szenarien, die nicht nach der Matrix „Glückliche Tage“ vs. „Endspiel“ funktionieren. Ein Beispiel wären die Romane von Leif Randt. In Schimmernder Dunst über Coby County (2011) geht es um die happy few, die, jung und schön und reflektiert, in einer merkwürdig glänzenden Gemeinde leben, an ihren Kleiderprofilen feilen, Veggie-Shakes trinken und mit sachte vibrierenden Smartphones in ihren Händen herumlaufen. Irgendwann ist von einem Waldbrand die Rede, der die paradiesische Lifestyligkeit bedroht, Angst geht um, Kameras werden auf lodernde Berghänge in der Ferne gehalten. Aber das Feuer erreicht Coby County nicht. Später zieht ein Gewitter auf, das erneut die Angst der Behüteten schürt. Aber alles bleibt beim Alten.

Die Settings bei Randt und Guse sind vergleichbar – und damit ihr jeweiliges Gelingen bzw. Scheitern. Randt hat einen uneindeutigen Roman vorgelegt, seine Welt ist die Bejahung von Oberfläche und Zufriedenheit, eine Welt, die gerade deswegen brüchig wird, weil sie so straff und poliert wirkt. Ob Coby County nun die beste oder schlechteste aller Welten ist, ob ein Leben dort lohnt und ob wir das Szenario als dystopische oder utopische Allegorie auf uns zu lesen haben – das ist Sache des Lesers. Als Zitat nur das Ende des Romans:

„Doch wenn ich CarlaZwei’s sachlich-kühles Profil betrachte, dann habe ich gegenwärtig das Gefühl, dass wir uns eigentlich vor nichts zu fürchten brauchen. Wir spazieren über einen stabilen Strand, es ist ein dunstiger Nachmittag, und bald wird es Abend.“

Beim jungernsten Guse, der sich – Jahrgang 1989 – als seherischer Dystopiker in die Gegenwartsliteratur implantieren will, ist alles eindeutig und endzeitlich. Letztens saßen im Zug im Vierer vor mir zwei Männer. Der eine las einen Krimi mit dem Titel „Ich bin die Angst“, der andere ein Handbuch über „Wirtschaft und Gastronomie“. Das ist in etwa auch die (sehr deutsche) Quintessenz von „Lärm und Wälder“: medial aufgeputschte Angstpsychosen mit dem Hildesheimer Schreibapparat ausschlachten.

[1] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article146146697/Warten-Sie-auch-auf-den-Weltuntergang.html

[2] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/welche-themen-sind-in-zeiten-der-fluechtlingskrise-relevant-kolumne-a-1057758.html

Samuel Hamen

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